Immobilienpreise bewegen sich langsam. Die Kennzahlen, die sie vorhersagen, sollten sich noch langsamer bewegen.

Fragt man gängige Marktberichte, was den österreichischen Wohnungsmarkt antreibt, hört man: Zinsen, Baukosten, Kreditregulierung, spekulatives Kapital. Alles real. Nichts davon erklärt, warum der 1. Bezirk Wiens anders bepreist ist als die Grazer Innere Stadt — oder warum Linz seit über einem Jahrzehnt der ruhigste stetige Wertaufbauer im Land ist.

Dafür braucht es vier Kennzahlen. Sie liegen unter den Schlagzeilen-Charts, sie bewegen sich im Tempo von Städten statt im Tempo von Nachrichten, und gemeinsam setzen sie den Rahmen, innerhalb dessen Zinsen und Regulierung wirken.

Bei METROX nennen wir das den City Pulse — vier langsam wirkende Kennzahlen pro Stadt, quartalsweise aktualisiert, geführt für Wien, Graz und Linz im Dashboard jeder Stadt. Dieser Artikel erklärt, was sie sind, warum sie zählen und was die aktuellen Werte über die drei großen österreichischen Stadtmärkte aussagen.

Die vier Kennzahlen

Das Framework ist bewusst klein. Vier Kennzahlen, jede ausgewählt, weil sie eine lange und messbare Beziehung zur Wohnraumnachfrage hat.

1. Bevölkerung — Einwohnerzahl. Der grundlegendste Treiber: jede Person ist ein zukünftiger Haushalt. Quelle: Statistik Austria Bevölkerungsstand.

2. Pipeline — Wohneinheiten in Planung, genehmigt oder im Bau. Das Angebotsgegengewicht. Quellen: kommunale Stadtplanung (Stadt Wien, Stadt Graz, Stadt Linz) und veröffentlichte Bauträger-Meldungen.

3. Tourismus — jährliche Übernachtungen. Indirekt, aber real. Übernachtungsvolumen treibt Kurzzeitvermietungsdruck, verzerrt Mieten in inneren Bezirken und löst — zunehmend — Regulierung zu Leerstand und Kurzzeitvermietung aus. Quelle: Statistik Austria Tourismus.

4. Beschäftigung — Erwerbstätige nach Arbeitsort. Der langfristige Anker. Zusätzliche 10.000 Arbeitsplätze entsprechen nach gängiger Branchen-Faustformel rund 5.000 zusätzlichen nachgefragten Wohneinheiten. Quelle: Statistik Austria Erwerbstätige.

Was bewusst fehlt: Zinsen, Transaktionszahlen, Preisindizes selbst. Genau die helfen diese vier Kennzahlen zu erklären. Sie sind nachgelagert.

Wien: der langsame Riese, der gerade zwei Millionen überschritten hat

Wien 2025 im Überblick:

Bevölkerung: 2.005.432 (+1,5 % ggü. Vorjahr)
Pipeline: ~31.500 Einheiten (+12 % ggü. Vorjahr)
Tourismus: 18,9 Millionen Übernachtungen (+8,2 % ggü. Vorjahr)
Beschäftigung: 1.052.000 Arbeitsplätze (+1,8 % ggü. Vorjahr)

Die große Geschichte: Wien überschritt 2023 die 2-Millionen-Marke — erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg. Mit jährlich +30.000 Einwohnern zählt es zu den am schnellsten wachsenden Großstädten im deutschsprachigen Raum. Rund 70 % dieses Wachstums stammen aus internationaler Zuwanderung — UN-Agenturen, IT-Sektor, Diplomatie, Konzernumzüge.

Das wäre unkompliziert, wenn die Pipeline Schritt hielte. Die 31.500 Einheiten in Planung oder Bau umfassen drei Großprojekte: Nordbahnviertel (5.000 Einheiten bis 2030, Bezirk 2), Seestadt Aspern (~20.000 insgesamt bis 2035, Bezirk 22) und das nahezu fertige Sonnwendviertel (Bezirk 10). Trotz dieser Größenordnung lagen die Baugenehmigungen im ersten Quartal 2026 15 % unter dem Vorjahr. Die Pipeline wächst, die Fertigstellungen werden aber voraussichtlich weiter zurückgehen.

Das Ergebnis ist strukturelle Unterversorgung — die Nachfrageseite wächst, während Fertigstellungen verlangsamen. Das ist die sauberste Erklärung dafür, warum sich die Wiener Preise nach der Korrektur 2023–2024 stabilisiert haben und wieder leicht steigen, trotz weiterhin gedämpfter Transaktionstätigkeit.

Tourismus fügt eine zweite Ebene hinzu. 18,9 Millionen Übernachtungen 2024 — Allzeithoch, +8 % über dem Vor-COVID-Niveau 2019 — konzentriert auf die Bezirke 1, 2, 4, 6 und 7. Diese Intensität führte zur neuen Leerstandsabgabe (1,5 % p. a.) ab Oktober 2026, die leerstehende Wohnungen und Investment-Leerstände erfasst; für Kurzzeitvermietung bestehen in Wien parallele Regeln. Damit wird die Buy-to-let-Rechnung in den Innenbezirken in den Jahren 2026–2027 neu kalibriert.

Die Beschäftigung vervollständigt das Bild: 1,05 Millionen Arbeitsplätze, stabile 5,0 % Arbeitslosenquote, getragen von Dienstleistungssektor und Konzernzentralen (OMV, Erste, Raiffeisen, BMW Wien). Beschäftigungswachstum ist langsamer als Bevölkerungswachstum, aber positiv — Wien integriert seine Zuzügler weiterhin in den Arbeitsmarkt, womit das Nachfrage-Signal für Wohnraum konsistent bleibt.

Graz: der Nachzügler mit Schub

Graz 2025 im Überblick:

Bevölkerung: 301.430 (+0,8 % ggü. Vorjahr) — 300.000-Marke 2024 überschritten
Pipeline: ~5.100 Einheiten (+9 % ggü. Vorjahr)
Tourismus: 1,41 Millionen Übernachtungen (+7,2 % ggü. Vorjahr)
Beschäftigung: 156.800 Arbeitsplätze (+2,2 % ggü. Vorjahr)

Graz ist jetzt Österreichs zweitgrößte Stadt und nach Wien die am schnellsten wachsende in Bevölkerungszahlen. Der Motor: rund 70.000 Studierende an TU Graz, Uni Graz, FH JOANNEUM und MUG, plus steigender internationaler Anteil, insbesondere aus Slowenien und Italien. Bevölkerungswachstum ist hier der wichtigste einzelne Treiber der Immobilienpreise — mehr als in Wien, wo Tourismus und Regulierung das Bild überlagern.

Die Pipeline ist gut auf die Nachfrage abgestimmt. Reininghaus (der Brauerei-Umbau im Bezirk Lend, rund 2.000 Einheiten nach Fertigstellung), Smart City Graz in Wetzelsdorf und inkrementelles Wachstum in Andritz und Eggenberg. Rund 5.100 Einheiten Pipeline bei ~300k Einwohnern ergeben ein ähnliches Angebotsverhältnis wie in Wien — deshalb sind die Grazer Preise stetig gestiegen, ohne die Überhitzung des Zyklus 2021–2022.

Die herausragende Grazer Zahl ist die Beschäftigung. +2,2 % ggü. Vorjahr ist die höchste Job-Wachstumsrate der drei Städte. Die Treiber: AVL List (Antriebsstrang-F&E, 5.000+ Ingenieure in der Stadt), Magna Steyr (Fahrzeugproduktion), TU-Graz-Spin-offs in Halbleiter- und Batterietechnik. Diese Beschäftigungsbasis ist der Grund, warum sich der Grazer Mietmarkt besser gehalten hat, als die reine Angebotsrechnung nahelegen würde.

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Die schönsten Parks in Wien und die Bezirke drumherum

Tourismus zählt hier weniger als in Wien. 1,41 Millionen Übernachtungen sind ein Rekord, und die UNESCO-Altstadt plus Status als Genuss-Hauptstadt treiben das Wachstum. Aber die Steiermark hat strengere Kurzzeitvermietungsregeln als Wien. Ergebnis: weniger Airbnb-Druck in den zentralen Bezirken, ein sauberer Langzeit-Mietmarkt.

Linz: der stille Aufbauer

Linz 2025 im Überblick:

Bevölkerung: 206.820 (+0,3 % ggü. Vorjahr)
Pipeline: ~3.500 Einheiten (+8 % ggü. Vorjahr)
Tourismus: 880.000 Übernachtungen (+5,4 % ggü. Vorjahr, noch −4 % ggü. 2019)
Beschäftigung: 115.400 Arbeitsplätze (+1,2 % ggü. Vorjahr)

Linz ist der Markt, über den niemand reißerische Kommentare schreibt. Langsames Bevölkerungswachstum, bescheidene Pipeline, Tourismus noch unter Vor-COVID, Beschäftigungswachstum langsamer als Graz. So erzählt wirkt es unspektakulär. Doch gerade diese Stetigkeit ist entscheidend.

Bevölkerungswachstum von +0,2–0,3 % pro Jahr, über zwei Jahrzehnte hinweg, ist eines der hochwertigsten Signale, das eine Stadt überhaupt bieten kann. Rund 22.000 JKU-Studierende halten einen Erneuerungsfluss, der die Alterung ausgleicht, während Netto-Zuwanderung aus dem ländlichen Oberösterreich und aus dem Ausland den langsamen Zufluss aufrechterhält. Die Zahl schwankt nicht — genau das macht sie für Langfrist-Entscheidungen nützlich.

Die Pipeline ist proportional: 3.500 Einheiten (+8 % ggü. Vorjahr) verteilt auf Tabakfabrik Kreativquartier (Bezirk 7), Pichling solarCity Erweiterung (Bezirk 16), Urfahr Donauläne Umbau (Bezirk 2). Kein einzelnes Großprojekt — inkrementelles, handhabbares Angebot.

Die Beschäftigung ist die interessante Nebenhandlung. voestalpine verankert die Stadt mit rund 10.000 Arbeitsplätzen. Aber das Wachstum am Rand findet in Tech und Services statt — Dynatrace, Runtastic, KEBA, BMW-Steyr-Zulieferkette. Arbeitslosenquote 5,7 %, leicht über Wiens 5,0 %, aber stabil. +1,2 % Beschäftigungswachstum YoY ist langsamer als Graz, aber seit mehreren Jahren durchgehend positiv.

Tourismus ist die einzige Kennzahl, die noch unter 2019 liegt. Das ist weniger Schwäche als strukturelles Merkmal: Linz ist geschäftsreiselastig (Konzerne plus voestalpine-Partner), mit kulturellem Volumen, das hauptsächlich vom Ars Electronica Festival im September getragen wird. Kurzzeitvermietungsdruck ist niedrig, was die Investment-Rechnung einfach hält.

Die drei Städte gemeinsam lesen

WienGrazLinz
Bevölkerung2,01 Mio. (+1,5 %)301k (+0,8 %)207k (+0,3 %)
Pipeline31,5k (+12 %)5,1k (+9 %)3,5k (+8 %)
Tourismus18,9 Mio. (+8,2 %)1,41 Mio. (+7,2 %)880k (+5,4 %)
Beschäftigung1,05 Mio. (+1,8 %)157k (+2,2 %)115k (+1,2 %)

Die Städte sehen in der Richtung ähnlich aus — alle vier Kennzahlen positiv YoY — unterscheiden sich aber strukturell darin, was jede antreibt.

Wien ist eine Bevölkerungs- und Tourismus-Geschichte mit einem Angebotsproblem. Die vier Zahlen zeigen alle in dieselbe Richtung, und die Lücke zwischen Nachfrage und Fertigstellungen ist die Kernspannung für 2026–2028.

Graz ist eine Beschäftigungs- und Bildungs-Geschichte. Das Jobwachstum von +2,2 % ist der Motor; Bevölkerung, Pipeline und Tourismus ziehen mit. Ein Markt, in dem die Fundamentaldaten alle in dieselbe Richtung ziehen, in handhabbarem Tempo.

Linz ist ein Wertaufbauer. Kleine Bewegungen im Jahresvergleich in jeder Kennzahl, kein Zyklus-Drama, stetig. Die Art Markt, die langfristiges Halten belohnt, nicht kurzfristigen Handel.

Für Makler, die stadtübergreifend arbeiten, lautet die praktische Lektüre: dieselbe Vermarktungsstrategie überträgt sich nicht. In Wien zählen Timing gegen Fertigstellungstermine und Steueränderungen am meisten. In Graz zahlt sich die Ausrichtung am Universitätskalender und an Einstellungszyklen von AVL und Magna aus. In Linz geben industrielle Lohnzyklen und Konzernversetzungen den Takt vor.

Was die vier Zahlen nicht zeigen

Der City Pulse ist bewusst klein. Er ist ein Framework für strukturelles Verständnis, kein Handels-Signal und keine Kurzfristprognose. Was die vier Zahlen nicht erfassen:

Zinsen und Finanzierungsbedingungen. Leistbarkeitszyklen bewegen Preise innerhalb des Rahmens, den diese vier Kennzahlen setzen. Ein Zinsrückgang um 100 Basispunkte verschiebt die Nachfragekurve unabhängig vom Pulse.

Regulatorische Änderungen. Wohnungsleerstand-Abgabe in Wien, Mietpreisbremsen-Politik in der Steiermark, KIM-Verordnung und ihre Nachfolger — diese sind Ereignis-Schocks, die obendrauf liegen.

Spezifische Objektqualität. Energieeffizienz, Mikrolage, Baualter — diese bestimmen, wie eine einzelne Immobilie innerhalb des Stadtrahmens performt.

Stimmungszyklen. Hier gehört die Timing-Literatur hin (Wettereffekte, Saisonalität von Besichtigungen).

Der City Pulse ist die langsame Ebene. Preise, Regulierung und Stimmung sind die schnellen Ebenen. Beide gemeinsam lesen.

Wie man das Framework nutzt

Makler: Die Pulse-Zahlen der Stadt in die Inserats-Erzählung einbauen. Ein pipeline-beschränkter Markt (Wien) erzählt Käufern eine andere Geschichte als ein angebots-ausgewogener (Graz). Bevölkerungs- und Beschäftigungszahlen wirken stärker, wenn man ihre YoY-Richtung nennt, nicht nur den absoluten Wert.

Investoren: Die Pulse-Richtung vor dem Markteintritt prüfen. Wenn die Beschäftigung zwei Jahre flach war, folgen die Preissignale zeitverzögert. Ein Pulse-Wert, der vor den Preisdaten nachlässt, ist das früheste verlässliche Abkühlungssignal.

Bauträger: Das Verhältnis von Pipeline zu Bevölkerungswachstum ist der beste Hinweis darauf, wann ein Markt aufnimmt, was Sie bauen. Wien hat ein Angebotsdefizit; Graz ist weitgehend ausgeglichen; Linz absorbiert langsam. Das Verhältnis zählt mehr als die absolute Pipeline-Zahl.

Live-Dashboards City Pulse je Stadt: Wien · Graz · Linz.

Häufig gestellte Fragen

Was ist City Pulse? City Pulse ist ein Vier-Kennzahlen-Framework, das METROX für jede größere österreichische Stadt führt — Bevölkerung, Neubau-Pipeline, Tourismus-Übernachtungen und Beschäftigung. Die Kennzahlen sind gewählt, weil sie sich langsam bewegen und langfristige Beziehungen zur Wohnraumnachfrage haben. Alle vier stammen aus Statistik Austria und kommunaler Stadtplanung, quartalsweise aktualisiert.

Warum genau diese vier Zahlen? Sie liegen vor den Immobilienpreisen. Preise reagieren auf Zinsen und Regulierung, aber der Rahmen, innerhalb dessen Preise sich bewegen, ist gesetzt durch: wie viele Menschen in einer Stadt leben (Bevölkerung), wie viel Neubau kommt (Pipeline), wie viel Kurzzeitvermietungsdruck auf Innenbezirken liegt (Tourismus) und wie viele Jobs Nachfrage verankern (Beschäftigung). Andere Kennzahlen — Transaktionsvolumen, Preisindizes selbst — sind nachgelagert.

Welche österreichische Stadt wächst am schnellsten? Wien in absoluten Zahlen (+30.000 Einwohner pro Jahr). Graz prozentual zu ihrer Größe und beim Beschäftigungswachstum (+2,2 % ggü. Vorjahr). Linz bewegt sich am langsamsten, ist aber am konsistentesten — +0,2–0,3 % Bevölkerungswachstum pro Jahr seit über einem Jahrzehnt durchgehalten.

Reicht die Wiener Pipeline für die Nachfrage? Nein. Aktuelle Planung und Baugenehmigungen liefern merklich weniger Wohneinheiten, als das Bevölkerungswachstum erfordert, und die Baugenehmigungen im ersten Quartal 2026 lagen 15 % unter dem Vorjahr. Dieser strukturelle Fehlbestand ist die Kernspannung unter den Wiener Preisen bis 2026–2028.

Wie oft wird City Pulse aktualisiert? Quartalsweise. Quelldaten stammen aus Statistik Austria, kommunaler Stadtplanung und öffentlichen Bauträger-Meldungen. METROX aktualisiert die Werte jedes Quartal, passend zum offiziellen Publikationszyklus.

Disclaimer

Dieser Artikel ist redaktionell und nicht gesponsert. Alle Zahlen stammen aus Statistik Austria, den städtischen Stadtplanungs-Stellen (Stadt Wien, Stadt Graz, Stadt Linz) und veröffentlichten Bauträger-Meldungen; die Primärquelle für jeden Datensatz ist auf den METROX-Dashboard-Seiten der jeweiligen Stadt verlinkt. Zukunftsgerichtete Aussagen sind kontextuelle Interpretationen der Quelldaten und tragen keinen Prognose-Charakter. Nichts in diesem Artikel stellt eine Anlage-, Rechts- oder Finanzberatung dar. METROX steht mit Statistik Austria, AVL List, Magna Steyr, voestalpine, OMV, Erste, Raiffeisen, BMW, Dynatrace, KEBA, Runtastic oder einer der anderen genannten Organisationen in keiner kommerziellen Beziehung; sie werden ausschließlich zur faktischen Zuordnung genannt.